Termin: 14. September | 20 Uhr
Gastgeber: Ursula Richard, Literaturmanufaktur
Das Gespräch am Mittwochabend zeigte mit seinen 80 Gästen welch relevantes Thema ein Austausch über ‚Spiritualität in Berlin’ geworden ist. Einführend gaben vier geladene Sprecher kurze Impulsreferate zu Beispielen und zu den Begrifflichkeiten von Spiritualität und Religiösität in der Großstadt.
Ursula Richard, Gastgeberin des Treffens und Autorin des Buches 'Stille in der Stadt', plädierte dafür, dass wir in Berlin mehr Orte der Stille brauchen. Ohne Stille kann es keine innere Sammlung und damit keine spirituelle Entwicklung geben. In der gemeinsam erlebten Stille können sich unterschiedliche Menschen näher kommen.
In-Sun Kim, Leiterin des interreligiösen Hospizes Berlin, betonte: Mitgefühl ist die Basis für eine allen Menschen zugewandte Spiritualität. Dieses Mitgefühl kann eingeübt, gelernt, gepflegt werden. Ohne Mitgefühl kann es keine Kultur in der Stadt geben. Frau Kim forderte erneut, dass die vielen Menschen aus asiatischen Kulturen ein eigenes großes 'Haus des Abschieds' brauchen. Die Trauerriten der meisten Asiaten verlangen nach längeren Totenwachen, nach großen Räumen, in denen sich Freunde und Angehörige der Verstorbenen treffen können. Sponsoren für ein 'interreligiöses Abschiedshaus' werden dringend gesucht.
Dr. Wilfried Reuter vom Lotus Vihara Zentrum in Berlin-Mitte zeigte, dass von der Basis aus in Privatinitiative ein wichtiges und wegweisendes Meditationszentrum aufgebaut werden konnte, ein Haus, das vielen Menschen auch Lebensorientierung in Krisenzeiten bietet. Dr. Reuter, Frauenarzt in Kreuzberg, forderte die Gründung eines Krankenhaus in buddhistischen Geist.
Christian Modehn vom Religionsphilosophischen Salon meinte, dass eigentlich jeder Mensch als 'Wesen der Vernunft, also des Geistes', bereits seine eigene, ganz persönliche Spiritualität immer schon lebt und praktiziert; oft hat der einzelne darüber noch kein deutliches Wissen. Diese immer schon gelebte eigene Spiritualität kritisch zu befragen, ist die entscheidende Aufgabe. Aber es gibt auch eine Form der Ermunterung zur eigenen Spiritualität, die das Leben begleitet und orientiert. Denn jeder hat seinen oft noch ungewussten Mittelpunkt im Leben, dem alles Interesse gilt, alle Opfer gebracht werden, wenn etwa in der Kultur, Film Musik, Kunst, 'Unbedingtes' erlebt wird. Christian Modehn wies darauf hin, dass Spiritualität heute ein 'Marktbegriff' geworden ist, damit wird – oft von selbst ernannten Meistern – viel Geld verdient. Nicht überall, wo Spiritualität drauf steht, ist auch wirklich Geistvolles, kritisch Inspirierendes und Belebendes, also wirkliche Spiritualität, drin.
Viele Teilnehmer wünschten in der anschließenden Diskussion, dass diese offenen Debatten ohne konfessionelle Bindung und ohne dogmatische Voraussetzungen weitergeführt werden soll. Berlin ist eine spirituelle Stadt - nicht mehr eine kirchenfromme und in dem Sinne auch keine religiöse Stadt - aber der Geist, spiritus auf Lateinisch, ist da, er belebt die Vernunft und … auch Herz.
Text von Christian Modehn
Gastgeberin Ursula Richard zur Versammlung ‚Welche Spiritualität braucht Berlin?’
Bei Interesse an dem kompletten Audio-Mitschnitt können Sie gerne an fragen@berlin-agora.de mailen.
© Fotos: Franziska Benkert / RADIALSYSTEM V